Das Märchen vom Oktopus

Von der, die das Fürchten lernen wollte

Es war einmal ein trotziges, gelangweiltes Burgfräulein, das ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Wohlgemerkt das richtige Fürchten: vor Verdursten, Verbrennen oder einfach vor den unheimlichen Dschinn. Sie hatte sich allen Warnungen ihres Vaters widersetzt und war losgezogen.

Nora wurde zu ihrem Namen — ein Berbername, den man ihr in diesem fernen Land geschenkt hatte. Die Strahlende. Die Ehrliche. Die Lichtbringende. Lange hatte sie nicht verstanden, weshalb man sie so genannt hatte.

Nach drei Jahren des Umherwanderns in diesem heißen, trockenen Land voller Magie und Gefahren sah sie die Welt mit anderen Augen.

Sie hatte viel erlebt und vieles verstanden. Sie hatte, wenngleich nicht das Fürchten, so doch tiefen Respekt vor den Gewalten der Natur erlangt.

Von den Begleitern in diesen Jahren, die es gewohnt waren, den harten Bedingungen zu trotzen, lernte sie aber vor allem eines: Gott wird es schon richten, wenn du es nicht kannst.

Nach all der Zeit wusste sie erst zu schätzen, was sie damals zurückgelassen hatte: ein Heim, Sicherheit, laue Sommer, milde Winter und eine üppige Natur, die alles bot, was das Herz begehrte.

Sie vermisste ihren Vater, der sie zu sehr hatte beschützen wollen und ihr damals das Leben wie ein Gefängnis hatte erscheinen lassen. Die Fürsorge — das, was sie heute am meisten vermisste — würde sie nun versuchen wiederzufinden.

Also brach sie erneut auf, zurück in ihre sichere Burg. Sie wusste nicht, was sie erwarten würde, und voller Unsicherheit sah sie ihrem letzten Tag in diesem heißen Land entgegen.

Sie verabschiedete sich von allen Freunden, von dem heißen Wind, den hohen Wellen des Atlantiks und den Dschinn, die ihr mittlerweile ans Herz gewachsen waren. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, etwas wolle sie zurückhalten. Nicht gehen lassen. Unsicher verbrachte sie die letzten Tage in dem Dorf, das ihr lange Zeit so etwas wie Heimat gewesen war — obschon eine sehr instabile.

Der Oktopus am Ende der Welt

An diesem letzten Tag strich sie an einem ihrer alten Domizile vorbei, einem halb verfallenen kleinen Bistro am Ende der Welt. Es schien verlassen, und traurig blickte sie noch einmal auf die schäbige Fassade, um sich einzureden, dass sie es nicht vermissen würde. Plötzlich stutzte sie.

Was war das? Ein junges, hübsches Mädchen hatte einen Pinsel in der Hand und verzierte gerade die Häuserwand mit einem großen, wunderschönen Oktopus. Farbkleckse bedeckten ihre Kleidung und ihr Gesicht strahlte vor Begeisterung, als würde sie die Welt selbst neu bemalen. Als sie sich erblickten, winkte das Mädchen Nora zu.

„Kannst du mir helfen?“, fragte sie. „Ich soll hier die Fassade neu bemalen und das Bistro wieder aufmachen. Aber ich bekomme die Tür nicht auf.“

Sie erzählte, sie heiße Kathi und dass bald Gäste kämen. Nora dachte nicht lange nach, zog ihren eigenen alten Schlüssel aus der Tasche und schloss dem Mädchen auf.

„Es ist ein Wink des Schicksals“, erklärte sie ihr.

Sie fühlte sofort eine tiefe Verbindung zu dem Mädchen.

„Du bist genau der Mensch, dem ich diesen Schlüssel überlassen möchte. Du bist voller Kraft und Kreativität. Noch nie habe ich einen derartigen Quell an Lebensfreude und Entdeckungsliebe bei jemand anderem gespürt.“

Der Oktopus, den Kathi malte, erschien Nora wie ein Zeichen. Früher einmal hatte hier bereits ein anderer Oktopus an der Häuserwand geprangt. Zu ihrer Zeit. War er ihr damals nicht schon zum Symbol dieses heißen Landes geworden, in dem man nur mit hoher Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und der Bereitschaft zum ständigen Wandel überleben konnte?

Das Bistro war nicht tot. Die Arme wuchsen nach.

Und damit war nun wirklich ein krönender Abschluss gelungen. Mit Kathi als Überbringerin der Botschaft.

Gerührt sagte Nora zu ihr:

„Ich freue mich über dein Gemälde. Du führst etwas Bedeutendes fort. Und ich bin sicher, wir werden verbunden bleiben und uns eines Tages wiedersehen. Aber auch jetzt schon bist du Teil meines Herzens.“

Kathi wurde unsicher ob der großen Bedeutung, die sie anscheinend in den Händen hielt, wusste sie doch, dass sie nicht lange an diesem Ort verweilen würde. Aus Sorge, dass Nora ihr vielleicht nie mehr begegnen könnte, lud sie sie herzlich ein, eines Tages ihre Familie in ihrer fernen Heimat besuchen zu kommen.

Herzlich verabschiedeten sie sich voneinander, und Nora zog nun berührt, aber auch beruhigt weiter — in dem Wissen, etwas Wichtiges für sich zum Abschluss gebracht zu haben.

Die Arme des Kraken ließen sie frei.

Sie zog zurück in die Burg ihres Vaters, der jedoch bald darauf starb. Die schützenden Mauern waren erneut ins Wanken geraten.

Nach all den Jahren erkannte sie, dass wohl nur sie selbst sich die Sicherheit und den Halt geben konnte, den sie brauchte. Und ihr Vertrauen in Gott und ihren Weg.

Also beschloss sie, wieder loszuziehen. Sie brauchte keine Mauern mehr.

Familie von Lindenherz – Ein zuhause im Herzen

Plötzlich erinnerte sie sich an die Einladung.

Der Weg war lang und beschwerlich, aber sie hatte alles dabei, was sie für ihr tägliches Brot benötigte, und ließ sich Zeit. Dann stand sie eines Tages vor den Toren einer kleinen verwunschenen Burg, eingebettet zwischen alten Lindenbäumen und üppiger Natur. Warmes Licht fiel aus den Fenstern, als würde das Haus selbst seine Gäste willkommen heißen.

Sie klopfte. Kathi öffnete überrascht, und sie fielen sich vor Freude in die Arme.

„Komm rein!“, sagte sie, zog Nora mit ins helle, gemütliche Wohnzimmer und stellte ihr schon bald ihre kleine Familie vor.

So lernte Nora Kathis Mann, den Ritter Markus, ihren Sohn, Knappe Jakob, und ihre Tochter, Burgfräulein Janna kennen. Sofort fühlte sie sich zu Hause.

Es war, als sei die Familie von Lindenherz nicht einfach eine Familie, sondern ein Ort zum Ankommen.

Die Beiden erzählten den ganzen Tag und die halbe Nacht. Tiefsinnig und leicht tauschten sie ihre Leben aus und entdeckten überraschend viele Parallelen. Auch Winnetou gehörte dazu. Sie spielten und lachten miteinander und machten lange Ausflüge in der üppigen Natur.

Wundertüten

Und irgendwann sprachen sie über eine sonderbare Erkenntnis, die beide tief in sich kannten: Dass sich manche Menschen immer wieder finden. Menschen mit schnellen Gedanken, offenen Herzen, wilden Ideen und einem Gefühl, nie ganz in die gewöhnliche Welt zu passen.

Andere hatten einen Namen dafür. Er klang wie eine Krankheit. Aber sie fühlten sich nicht krank. Sondern besonders.

Nora erinnerte sich, dass eine Wegbegleitung aus der Vergangenheit ihr einmal gesagt hatte:

„Du bist wie eine Wundertüte. Was du alles hervorzauberst!“

Bei dem Gedanken und bei dem Wissen, dass sie in Winni eine ebenso kreative, wilde und begabte Seele gefunden hatte, wusste sie es plötzlich:

Ja, all diese „betroffenen“ Menschen waren einfach nur DIE WUNDERTÜTEN. Und sie selbst gehörten dazu.

Nora war hier einem kostbaren Spiegel begegnet. Und einem Zuhause im Herzen.

Kathi hatte damals mit dem Oktopus etwas beendet, damit etwas Neues entstehen konnte. Nicht nur in dem Bistro. Auch in ihr selbst.

Voller Dankbarkeit betrachtete Nora diese junge, herzliche Familie und wusste plötzlich, dass sie diesen Schatz nicht mehr verlieren würde. Auch nicht auf ihrem nun unbekannten Weg weiter durch dieses Leben.

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