«Hurra, Sie haben gewonnen»
Eine Erzählung am Sonntagmorgen
Ich wachte auf und checkte kurz darauf mein Handy. Eine Email gewinnt meine Aufmerksamkeit: „Hurra, Sie haben gewonnen!“, von Swisslos.

Natürlich ist mein erster Reflex, den Absender zu kontrollieren. Es ist tatsächlich Swisslos, so weit ich das beurteilen kann. Ich muss auch nicht auf den Link klicken, ich habe die Zugangsdaten ja. Ich kann mich einloggen und überprüfen, ob und was ich tatsächlich gewonnen habe, nachdem ich mich vor zwei Wochen hinreissen gelassen hatte, einmal wieder in ein Glücksspiel zu investieren.
Mein damaliger Gedanke war: „Ok, Monika. Du brauchst Geld. Du glaubst aber auch ein bisschen an solche Dinge wie „Bestellung beim Universum“, Beten oder richtig Wünschen (nicht wollen) und den Wunsch wiederum abgeben an die Kräfte über uns. Wenn man aber nie die Voraussetzungen schafft, dass das Universum einem auch diesen Gefallen tut, dann kann ja auch nichts passieren, oder? Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass, wenn du nichts tust, eine alte Erbtante plötzlich auftaucht und dir ein Vermögen vermacht. Was, wenn du, selbst wenn, dann gar nicht auffindbar bist, weil du gerade beschlossen hast, nach Marokko auszuwandern? Oder kein Lotto spielst? Dann kannst du auch nichts gewinnen!“.
Hunderttausend Franken Hoffnung
Nun denn, ich hatte also gespielt. Die Möglichkeit bestand also tatsächlich, dass ich etwas gewonnen hatte. Kurz dachte ich, „Ok, bringe es hinter dich. Dann bist du nicht enttäuscht und ausserdem rechnest du ja sowieso nur mit 5 CHF, höchstens.“ Dann dachte ich daran, dass unsere Gedanken ja unsere Welt formen. Warum also so negativ? Wie schön ist doch der Gedanke, plötzlich um 100´000 CHF reicher zu sein? Oder womöglich um eine Millionen?» Gut, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber 100‘000 schon. Schliesslich hatte ich diese Erfahrung ja schon einmal gemacht. Und sofort durchströmt mich ein warmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Was würde ich heute damit anfangen? Damals hatte ich alles auf mich zukommen gelassen. Wenn sich etwas geboten hatte, das für mich vernünftig schien, dann investierte ich. Es musste sich lohnen und zumindest etwas nach Abzug aller Kosten übrigbleiben.
Das Missverständnis von Freiheit
Weit kommt man ja nicht mit 100‘000 CHF hatte ich damals gelernt. Weit kam ich nicht. Wenn ich damals in Grund und Boden investiert hätte, wäre das Geld sofort futsch gewesen. Das wusste ich damals schon. Kapitalbindung. Und ich hätte noch weitere Kosten wie Zinsen, Baukosten und Reparaturen bestreiten müssen, die ich dann wieder mit meiner Arbeit und verdientem Geld hätte decken müssen. Aber genau das hatte ich ja nicht mehr gewollt. Zu arbeiten, um genug Geld zu verdienen, damit ich arbeiten kann. Also das verdiente Geld in ein Dach über dem Kopf, genügend und gutes Essen, Hygiene und wenn noch Zeit übrig wäre, in ein wenig Urlaub zur Erholung investieren. Jeden Monat. Und am Ende blieb 0 übrig. Es war lediglich eine zeitnahe Reinvestition in meine Arbeitskraft gewesen. Für mich hatte sich das damals wie ein Teufelskreis angefühlt. Das Verharren müssen in einem Gefängnis mit der Aussicht auf die Rentenzeit, wenn ich alt und schwach sein würde.
Dass ich damals eines nicht verstanden hatte, wurde mir erst Jahre später klar: Die Freiheit zu leben, wie es mir gefiel, hatte ich selbst in der Hand. Auch während des Arbeitens. Denn meist hatte ich gute Jobs gehabt. Mit guten Kollegen. Und mit Inhalten, bei denen ich glänzen konnte. War das denn kein Leben? Doch. Ich hatte nur das Gefühl, ich würde nicht leben. Jede Minute lebe ich und entscheide. Ich entscheide, ob ich etwas ändern will und besonders, wie ich die Situation bewerte. Die grösste Freiheit ist in mir. Mich jederzeit selbst für einen Weg oder auch nur eine Perspektive zu entscheiden. Ich sehe mittlerweile die Konsequenzen der meisten Entscheidungen. Und lasse ich die Ängste vor Veränderung und Ungewissheit weg, dann ist jede Entscheidung klar einordbar: In Preis und möglichen Gewinn.
Die unsichtbaren Gewinne
Nun, gerade hatte ich womöglich etwas bei Swisslos gewonnen. Aber auch gestern, als meine 87jährige Mutter noch einmal für meinen Papa und mich gekocht hatte. Oder gerade hatte ich Zeit gewonnen, die ich nicht ins Geld verdienen stecken muss, und herumreisen und meine Eltern besuchen kann. Ich habe neue Erkenntnisse gewonnen, bei den Erzählungen meiner alten Mutter über den Hallimasch. Oder dem Gespräch mit meinem 90jährigen Papa, dem es nach der Tablettenvergabe nicht mehr so schwindelig wird. Ich gewann gerade ein Stückchen Lebensfreude.
Heutemorgen, als ich in meinem kleinen Schneckenhäuschen namens Passepartout sass, meinem alten Berlingo – runderneuert und mit Bett und Küche ausgestattet -, ging mir das alles durch den Kopf. Wie viel hatte ich doch in letzter Zeit gewonnen! Freiheit. Eine Arbeit für drei Monate. Zeit für Freunde und Familie. Und noch etwas Erspartes, das mich über die nächsten zwei Monate retten würde. Ich hatte Anerkennung bei der Arbeit und im Arbeitsmarkt gewonnen. Und jetzt eine neue Aussicht auf den Gewinn bei Swisslos.
Schrödingers Gewinn
Ich dachte an die Quantenphysik und die Katze. Solange ich nicht nachschauen würde, konnte es zwar eine Spam gewesen sein, aber auch ein womöglich hoher Gewinn. Solange ich nicht nachschauen würde, konnte ich mir vorstellen reich zu sein. Was machte das mit mir? Veränderte das meine Welt? In manchen Praktiken von Manifestationen und Bitten an das Universum soll man immer in Präsenz reden/schreiben und in positiver Form (Eine Negierung würde diese „Wunsch-Sprache“ schlichtweg übersehen). Also sage ich einfach: ICH BIN REICH. Und, wenn ich keine Angst vor Enttäuschung habe, vor Hilflosigkeit, Alleinsein und Armut, dann bin ich es tatsächlich!
Ich entschied mich also in diesem Moment, einfach noch nicht meinen Gewinn anzusehen. Denn dann wäre ich wieder in der Zukunft und dem sich abzeichnenden Weg. Im Moment, in diesem Moment, bin ich einfach reich und fühle es auch. Alles ist möglich. Die Entscheidung noch nicht gefallen. Es ist ein Gefühl. Freude. Und diese gönne ich mir. Egal, was mein Konto mir morgen sagt.