Die Schnecke am Sonntagmorgen
Eine unverhoffte Beobachtung
Ich schaute auf die Häuserwand gegenüber meines Autos und sah eine Schnecke. Langsam kroch sie weiter nach oben. Was würde sie dort erwarten? Ich sah sofort, dass, wenn es mittags heiss werden würde, auf diese Seite die Sonne knallen und sie dort womöglich vertrocknen würde. Arme Schnecke. Sollte ich es wie meine Artgenossen der Wesensretter halten und sie einfach auf das Gras unten setzen? Sie wäre dann mit Sicherheit gerettet, hätte Feuchtigkeit und zu Essen.

Ich fragte sie: „Bist du sicher, dass du weisst, was du tust?“ Ihr Weg führte weiter nach oben auf dem weissen, nun trockenen Putz, der womöglich viel von der notwendigen Weiterbewegungs-Feuchtigkeit verbrauchte. Würde es diese Schnecke merken? Plante sie vor? Warum traf sie welche Entscheidungen, wo lang zu gehen? Wollte sie womöglich hoch übers Dach? Nun, wir wissen alle, dass wir niemals erfahren werden, was eine Schnecke denkt. Dass sie ähnlich funktioniert wie wir, mit Herz, Zellen, Augen bzw. Fühlern, dass hatten wir ja schon in der Schule. Aber denken? Mmmh.
Sie hielt nach ein paar Minuten tatsächlich inne, bog sich langsam nach unten, kroch zur 2 cm entfernten Ecke des Hauses und reckte doch tatsächlich ihren Oberkörper weit hinaus. Prüfte sie gerade die Situation? Hatte mein Gespräch mit ihr etwas bewirkt? War es also gut so, dass ich sie nicht von ihrem Weg abgebracht hatte und einfach ins Gras gesetzt? Womöglich hätte ich dann mit meinem Handeln den „göttlichen Plan“ dieser Schnecke durchkreuzt. Ihre Eigenverantwortung unterminiert.
Merkwürdige Gedanken hatte ich. Vielleicht lag mein Handeln doch im göttlichen Plan? Egal ob ich nun der Schnecke half oder sie ihren Weg alleine finden würde? Zumindest war sie nun in Sicherheit. Ihre eigene Entscheidung. Vielleicht sollte man einfach nur die Lebensläufe aller Wesen, auch wenn sie kriechend sind, zulassen, bis wirklich „Not am Mann“ war. Vielleicht sind sämtliche Interventionen im Lebenslauf von Kindern, Hunden, Freunden einfach nur arrogant (wir wissen es besser) und kontraproduktiv? Mmh.
‚Ich muss dieses Puzzle meiner Gedanken vielleicht nicht weiter zu lösen versuchen.‘, dachte ich bei mir. ‚Einfach beobachten. Und die Interaktionen der Wesen weiter studieren. Ob nun grenzverletzend oder nicht.‘ Ich war mir sicher, alles war für etwas gut.