Die Hunde in Sidi Kaouki
Kein Spaziergang oder Ausritt ohne Hundebegleitung….
Herrrenlose Tiere begegnen dir in Marokko überall. Bei jedem überquellenden Müllcontainer. Am Strand, in Gruppen. Auf der Strasse liegend und dösend. Esel mit ihren Jungen umherziehend. Katzen, die sich zu Duzenden um den Fischer scharen, der gerade die Fische ausnimmt und ihnen die Innereien zuwirft.
Sie haben alle eines gemeinsam: sie haben Hunger. Und sie überleben – hungrig, manchmal krank, aber frei…

Mir begegneten wilde Hunde bei der ersten Rundreise zum ersten Mal in Sidi Kaouki im Mai 2022. Damals war der Strand noch menschenleer. Direkt nach der Coronazeit. Die Hunde hatten Hunger. Und jeder vereinzelte Tourist wurde von ihnen sofort eingemeindet. Sie scharten sich um uns und verliessen uns keine Sekunde mehr, bis ein neues verheissungsvolles Opfer in ihren Dunstkreis kam. In dem Fall war es eine verängstigte Engländerin gewesen, die hilflos versucht hatte, die an ihr hochspringenden Hunde abzuwehren. Mein Guide und ich hatten alle Hände voll zu tun, um sie vor ihren, zwar ungefährlichen, aber trotzdem angsteinflössenden Gebahren zu retten. Ich erinnere mich, dass wir darüber diskutiert hatten. «Die Europäer haben sie damals mitgebracht. Und dann sich selbst überlassen. Seitdem vermehren sie sich fleissig. Im Atlasgebirge gibt es richtig gefährliche Rudel, die Fahrradfahrer angreifen. Wir wollen sie nicht. Wir wollten sie noch nie. Nach unserer Auffassung sind sie dreckig. Haram.»
Wer hätte übigens damals ahnen können, dass ich genau in diesem kleinen Dorf namens Sidi Kaouki einmal leben würde? Nur eineinhalb Jahre später? Ich zumindest nicht.
Als ich dort lebte, hielt ich Abstand von den wilden Hunden. In der Zeit als ich auf dem Campingplatz meinen damaligen Lebensabschnittsgefährten mit seiner kleinen Babyhündin Houda kennenlernte, hatte ich keine Ahnung, wie sehr mich die Hunde irgendwann einnehmen würden. Gedankenlos liess ich auch zu, dass sich eine auf dem Campingplatz lebende Pittbullmischlings-Dame immer öfter zu uns gesellte. Wir fühlten uns wie eine kleine Familie. Zusammengewürfelt durch den Zufall.
Später ging ich oft mit den beiden am Strand spazieren. Die wilden Hunde taten uns nichts. Sie spielten mit unseren. Es war ok. Noch später bekam Houda 8 Junge, und meinem Ex wurde noch ein kleiner süsser Wuschel geschenkt, Mogli. Plötzlich hatte ich 11 Hunde zu versorgen….
Der kleine Ort wurde zusehends touristischer. Ich beobachtete verzweifelte Touristinnen (interessanterweise nur Frauen), die sich verpflichteten, die Hunde regelmässig zu füttern, wenn sie schon mal da waren. Wenn sie abreisten, gaben sie einem Dableibenden Geld für deren Überleben. Natürlich hat kein Einheimischer Verständnis für diese Prioritätensetzung. Wenn sie doch selbst ums Überleben kämpfen müssen? Warum dann Hunden helfen? Ich hatte für die abwehrende Haltung der meisten Marokkaner hier Verständnis. Das Leid der Tiere war ein Spiegel dafür, wie es den Menschen hier ging. Tiere versorgen war Luxus. Unsere Europäische Selbstverständlichkeit, Hunde wie Familienmitglieder zu behandeln und die Erwartungshaltung der Touristen hier an die marokkanische Bevölkerung, es ihnen doch bitte gleichzutun, fühlte sich für mich an wie eine Farce.
Ich sah die vielen alten Leute, die mühsam mit einem Esel Wasser in mehreren 5-Liter-Flaschen vom Brunnen holten. Wie 10 Jährige im Restaurant oder im «Baumarkt»-Laden die Arbeit von Erwachsenen verrichteten. Wie zahnlose alte Männer am Strassenrand bettelten. Die Armut war überall. Wie konnte man dann zuerst an die Hunde denken?
Heute sehe ich es etwas anders. Natürlich kann man Bettlern etwas geben und sich damit besser fühlen. Sie Anteil haben lassen an unserem Wohlstand. Aber es macht auch den anderen klein. Ich hatte mir angewöhnt, Menschen im arbeitsfähigen Alter nichts zu geben. Auch wenn ich mir sicher war, dass diese womöglich auch verzweifelt waren und nicht gerne bettelten. Manchmal kam es mir aber auch wie ein Sport vor: Ein Tourist! Der hat Geld! Der kann mir ruhig etwas abgeben.
Nun gut. Wir können in einem armen Land nicht wirklich etwas bewirken. Die gesellschaftliche Schere ist seit Generationen hausgemacht. Die Perspektivlosigkeit ist eine Frage des Systems. Wir können es nicht ändern. Es muss von innen heraus geschehen. Es sind diese armen Menschen, die irgendwann aufstehen müssen und etwas ändern. Aber als Volk könnten sie es auch.
Die Hunde auf der Strasse können es nicht. Sie sind eigentlich domestiziert. An uns Menschen gebunden. Von uns Menschen gezüchtet. Trotzdem können sie in der freien Wildbahn irgendwie überleben. Aber nicht lange. Das Problem ist die Vermehrung. Die kleine Houda hat in drei Jahren 3 mal geworfen. Insgesamt 30 kleine Hundebabys. Und sie ist nur eine von vielen.
Es gibt Vereine, die mittlerweile dafür sorgen, dass die Hunde geimpft und kastriert werden. In Sidi Kaouki laufen viele Hunde mit Ohrmarken herum. D.h. sie sind registriert und vielleicht sogar kastriert. Aber nur vielleicht. Denn das ist am teuersten. 200-300 Euro pro Hund beim Tierarzt. Es gibt auch Initiativen, die es manchmal kostenlos anbieten. Aber selten. Bisher wurde man noch nicht Herr über die Vermehrung. Trotz vieler Bemühungen, auch von diversen Auswanderern, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihren vierbeinigen Freunden zu helfen.
Mir graust es ein bisschen vor der WM in 2030. Bestrebungen, die Küste Europäisch attraktiv zu gestalten, heisst auch, dass die Hunde und sonstige «wilde» Tiere verschwinden müssen. Es gab in der Vergangenheit ab und zu bereits «Killerkommandos», von denen ich gehört hatte. Wohl nicht mehr in jüngster Vergangenheit, denn die Hunde sind in den Fokus gerückt. Dank der vielen sich kümmernden Touristen. Aber vielleicht wird es bald wieder getan? Weil dann die ganze Welt auf das kleine Marokko schaut? Die Angst davor ist auf jeden Fall zu spüren.
Auch wenn wir den Menschen dort wenig helfen können, aber den Hunden vielleicht schon. Mit solchen Initiativen wie von Emma. Oder von den vielen anderen engagierten Menschen, die ich dort kennenlernen durfte. Die Hunde entstammen meist einer lokalen Mischung namens Beldis. Sie haben liebevolle Gesichter und sind von schlanker Statur. Allerdings sind mittlerweile trotz der anfänglichen Aussage meines Guides auch bei den Marokkanern Hunde Mode geworden. Dann aber bitte einen englischen oder deutschen Schäferhund. Oder sonst eine Rasse. Und wenn sie noch gefährlich aussehen – umso besser.
Ich habe viele junge Menschen gesehen, die sich mit einem Hund gebrüstet haben. Heute meiner, morgen allen. Sie sind nicht in der Lage, langfristig Verantwortung zu übernehmen. Hunde sind dort eher ein Wegwerfartikel. Und das zu sehen, tut weh.
Ich habe umso grössere Hochachtung vor den Menschen, die dort ihr Herz vergeben haben. In die treuen Augen dieser Wesen. Aber auf einheimische Hilfe zu warten ist vergebene Liebesmüh. Dann doch lieber von uns.
Herz über Kopf – meine Hunde und Emma
Ein wenig aus dem Kuchikästli erfährst du über den obigen Link.
Direkt zum Spendenaufruf für Emma kommst du hierüber: https://auswandern-schweiz-marokko.com/index.php/spenden-anstatt-bezahlen-unterstuetzt-mit-mir-emma