Übergang 2026 – und Botschaften aus der Vergangenheit
„Manchmal braucht es nur einen Blick aus dem Fenster, um die eigene Freiheit wiederzufinden.“
In diesem Text erzähle ich, wie ich nach Jahren in Marokko zurück in die westliche Welt finde, welche Lektionen ich aus Freiheit, Angst und Selbstbestimmung gelernt habe und warum diese Erfahrungen mich heute tragen.
Ein stiller Moment

Heute, an einem Sonntag im kühlen März, sitze ich auf dem Balkon, lasse meinen Blick über die Hochhäuser von Zürich schweifen und geniesse die ersten Sonnenstrahlen. Sonne! Wie gut sie mir tut und wie süchtig ich danach bin.
Mein Blick streift über die Bäume, die mit einer Kletterpflanze überwuchert sind. Kein Efeu, das würde ich kennen. Aber, um diese unbekannte zu bestimmen, ist sie zu weit entfernt.
Es ist auch eigentlich nicht wichtig. Unlängst habe ich mit einer Freundin darüber gelacht, dass wir immer das Bedürfnis haben, zu wissen wie eine Pflanze heisst, sobald sie unser Bewusstsein streift. Warum? Ist es wichtig?
Nein, haben wir uns gesagt. Es ist einfach unser Bedürfnis alles unter Kontrolle zu haben. Wissen wir den Namen, wissen wir vielleicht sogar etwas über deren Wirkungen, die Gefährlichkeit, ihre Früchte. Sofort wird etwas in Nutzen oder Gefährlichkeit eingestuft. Nachdem wir das eine Weile diskutiert hatten, nahmen wir uns schliesslich einfach vor, nur noch die Schönheit zu betrachten und wertzuschätzen. Denn diese schien uns plötzlich abhanden zu kommen, wenn wir im Vorbeigehen nur den Namen bestimmten. Vielleicht könnten wir einfach auch lernen, das Kontrollbedürfnis loszulassen?
Rückblick: Der Aufbruch aus der alten Welt
Heute Morgen denke ich genau darüber nach. Und darüber, wie es mir nun geht, nach fast zwei Monaten in meiner neuen alten Welt. Ich war damals 2022 ausgerissen. Mit dem Geld, das ich in der Schweiz hatte verdienen dürfen. Ich hatte gehofft, dass es bis zu meiner Rente reicht, wenn ich sorgsam damit umgehe. Für sieben Jahre. Ich machte mir Pläne. Rechnete. Und wusste schon bald, dass ich mich sehr zügeln musste, wenn ich dieses Ziel erreichen wollte. Aber eigentlich war mein wichtigstes Ziel das: Ich kaufte mir Zeit. Zeit, um herauszufinden, worum es im Leben wirklich geht. Ohne Ablenkung durch tägliches Müssen.
Das Scheitern des ursprünglichen Plans
Nach drei Jahren musste ich dieses Leben wieder verlassen. Ich hatte es nicht geschafft das erste Ziel zu erreichen. Bis zur Rente durchzukommen. Auch nicht mit der Eröffnung eines Bistros. Mit einer Beratung für Auswanderer. Mit Bücher schreiben. Und schon gar nicht mit Workshops und Reiseangeboten. Die Zeit der Zeit ging unaufhörlich zu Ende. Müßig nach dem Warum zu fragen. Es war nun einmal so und nicht mehr zu ändern. Traurig gab ich noch eine Abschiedsparty in Sidi Kaouki und stellte mich dem Unabwendbaren: Zurück in die Zeit ohne Zeit.
Zurück im westlichen Arbeitsleben
Der Abschiedsschmerz ging in den neuen Routinen und Unsicherheiten unter. Ich arbeite viel. Will wieder beweisen, dass ich gut bin. Dass ich mein Geld wert bin. Es war bisher und ist immer noch unglaublich viel neu zu lernen, altes hervorzubringen und die täglichen neuen Anforderungen und Massen zu bewerkstelligen. Prioritäten mussten gesetzt werden. Ich hatte nur 24 h zum Arbeiten und Erholen. Mein Kopf war beschäftigt. Gut. Mein Herz wurde nicht durch inszenierte Gefühle beherrscht. Ich hatte bisher gar keine Zeit dafür. Vermissen? Pläne schmieden? Träumen?
Heute Morgen frage ich mich, warum ich damals überhaupt gegangen bin? Die Arbeit ist doch gut. Ich werde sehr gut bezahlt. Die Kollegen sind in Ordnung. Ich darf mich abgrenzen, wenn es wirklich zu viel wird.
Eine Botschaft aus der Jugend
Ein Vers kommt mir in den Sinn, den ich als Jugendliche gedichtet hatte: „Ordnung ist das halbe Leben. Doch wer sich diesen Sinn gegeben, hat keinen Sinn fürs wahre Leben.“ Botschaften für mich aus meiner Vergangenheit. Ich wusste es schon damals. Es ist die Kontrolle unserer Zukunft und die damit verknüpften Ängste, die uns von uns wegbringt. Damals, 2022, wollte ich genau da heraus. Aus dem Druck und den Ängsten, die scheinbar Teil von mir waren. Genau dort, wo ich heute wieder arbeite, herrschte ein Klima der Angst vor dem Scheitern. Des nicht Schaffens, was so wichtig ist. Man könnte ja angeklagt werden, dass man einen Fehler gemacht hat. Dass man einen der tausend Kunden verschreckt, weil er die versprochene Steuererleichterung nicht pünktlich oder gar nicht erhält, nur weil man nicht rechtzeitig reagiert oder das Formular nicht ordentlich kontrolliert hat und es nicht anerkannt wurde. Der Anspruch an Kontrolle war so hoch, auch noch aufgrund der Fehlleistungen durch die Corona-Zeit wieder Oberwasser zu gewinnen, dass dieser Druck und die Ängste unbewusst zu meinen wurden. Gepaart mit den gepushten Corona-Ängsten des „Bald Sterbens“ und „Verantwortlich seins für den Tod des Nachbarn“, denen ich mich halbwegs entziehen hatte können, hatte ich 2022 nichts Gutes mehr gesehen, an dieser Arbeit. An dem Leben in der westlichen, so sicheren, angstbesetzten und kontrollierten Welt. Ich wollte nur noch weg.
Die Freiheit, für die ich damals gegangen bin, ist in mir
Heute fällt es mir leicht wieder zu arbeiten. Erstaunlich viel ist doch trotz meines dreijährigen Fehlens und das meiner damaligen Chefin, die dann auch gegangen ist, gut gegangen. Die Prioritäten haben sich verschoben. Und vor allem meine Sichtweise. Die Freiheit, für die ich damals gegangen bin, ist in mir. Ich muss sie nur sehen. Ich stelle mir vor, was passiert, wenn ich „Das und Das“ nicht schaffe. Geht die Welt dann unter? Verhungere ich dann? Werde ich erschossen? NEIN.
Die Freiheit – meine persönliche – ist paradoxerweise vor allem abhängig von meiner Versorgung. Ist diese im Moment nicht garantiert, habe ich womöglich kein Geld mehr, dann bin ich nicht mehr frei. Dann bin ich abhängig vom «Goodwill» des Anderen. Dann nützt mir auch nicht das Verdrängen der Ängste. Denn diese Ängste beziehen sich dann auf das Jetzt – der Überlebensmodus regiert nun meine Welt. Das, was ich heute weiss, habe ich aber nur erkennen dürfen, weil ich damals nach Marokko ausgewandert war. Die Unterscheidung verschiedener Arten von Freiheiten und Ängsten.
Ich habe in diesen Jahren erkannt, dass die Ängste in Marokko gerechtfertigt sind. Wo bekomme ich mein nächstes Essen her? Wie kann ich meine Familie versorgen? Wie können mich meine Liebsten versorgen? Wie bin ich sicher vor Wassermangel, Stürmen, Hitze? Dagegen sind unsere westlichen und oft geschürten Ängste eine Farce.
Die eigentliche Freiheit liegt in der Betrachtung, das Glas halb voll zu sehen.
Ich hatte in meinem Buch „Ma-Rocken“ den Satz geschrieben: „Marokko ist ein Land der Sinne, des Moments und der Begegnungen. Und – wenn wir Glück haben – begegnen wir uns selbst.“ Wie so oft schrieb ich Botschaften, auch für mich selbst. Und heute ist mir mehr denn je bewusst: Ja, ich begegnete mir selbst. Meinen anderen Ängsten. Den realen. Und genau deshalb bin ich heute in der Lage, mich aus den hier geschürten Ängsten, es nicht zu schaffen, womöglich nicht alle Kundenanforderungen zu erfüllen, nicht genug abgesichert zu sein, immer wieder rauszuziehen. Es sind nicht meine Ängste. Es sind die des Arbeitgebers, der westlichen Gesellschaft und der Ahnen.
Vertrauen statt Kontrolle
Die einzigen Verpflichtungen, die ich habe, sind für mein gutes Geld mein Bestes zu geben. Das was ich gelernt habe, um es anzuwenden und weiterzugeben. Und mein Bestes sind 9 Stunden am Tag mit hoher Konzentration. Aber nur, weil ich das so will. Und mein körperliches Wohlbefinden. Ruhepausen und gutes Essen. Körper und Geist. Die Seele kommt vielleicht im Moment nicht hinterher. Aber sie hat die letzten drei Jahre geschenkt bekommen. Davon zehrt sie noch. Das freie Leben, das sie so sehr braucht, kann wieder warten. Ohne dass ich Angst habe etwas zu verpassen. Jetzt ist die Zeit der Rücklagenbildung für meine nächste Zukunft des Erwachens.
Tja, wie geht es mir? Ich bin dankbar. Ich fühle mich gesegnet. Vor allem mit der neu gefundenen Sicherheit: Ich brauche keine Angst zu haben, dass ich nicht genug zu essen habe. Dass ich ein Dach über dem Kopf habe. Ich bin sicher.
Und… Ich bin geführt. Ich überlebe mit Chancen, die manch anderer – vor allem in Marokko – nicht geboten bekommt.
Sollten mich also wieder die hiesigen Ängste aus der westlichen Glocke packen, brauche ich nur einen kleinen Moment der Ruhe, um „es“ wieder für mich zurechtzurücken.
Ich denke dann an die Gefahren in Marokko und weiss, mir passiert nichts, was nicht sein soll. Wenn mich wieder die „Versagensängste“ so wie letztens packen sollten, und ich tatsächlich versagen werde, dann ist das eine Lektion die ich noch zu lernen habe. Auch ohne vorherige Ängste. Auch ohne meine Kontrolle. Einfach laufen lassen. Einfach tun. Nach dem, was mein Herz mir sagt. Nach meinem Besten.
Und wenn ich nicht versagen SOLLTE, dann werde ich es auch nicht tun. So einfach. Gottvertrauen. Kontrolle abgeben. Laufen lassen.
Reichtum
Zum guten Schluss ein Spruch den ich letztens einmal aufgeschnappt habe: Wirklicher Reichtum ist die Freiheit, sich jederzeit frei entscheiden zu können, das zu tun was man möchte.
Also eigentlich, die Kunst der Wahrnehmung, welche Wünsche gehören zu mir und welche den anderen, was entspringt welcher Angst… Und dann dem eigenen Herzen folgen.
Und wenn ich so über mein Leben nachdenke, dann fällt mir auf, wie verdammt reich ich war und immer noch bin!