Vergleichen und Bewerten als Anker ins Glück?
Wenn es ums Überleben geht, greift unser Gehirn, unser Körper auf uraltes Wissen zurück. Auf Instinkte. Aber auch auf unsere ureigenen Erfahrungen, die wir bis zu diesem Moment machen durften. Wir vergleichen. Ständig.
Nun, wir unterscheiden uns ein klein wenig von den Tieren, die ebenfalls diese Instinkte und Erfahrungen nutzen, um zu überleben. Sie kennen genauso Freude, Trauer und den Moment. Kennen sie aber die ferne Zukunft hinter dem nächsten Winter bzw. versuchen sie es sie zu er-kennen, so wie wir? Ich denke nicht.
Denn wir vergleichen nicht nur. Nein. Wir bewerten. Armut, Krankheit, Stillstand erzeugen nur deshalb so ungute Gefühle, weil wir uns nicht nur mit unserem vorherigen Zustand vergleichen, sondern vor allem mit anderen. Warum hat dieser andere Mensch so ein Glück und ich nicht? Warum ist er so positiv? Das kann doch nur daran liegen, dass er etwas hat, was eigentlich auch ich verdient habe. Neid und Gier sind die Konsequenzen daraus. Gut, Tiere kennen diese Momente auch. Territorialanspruch. Futterneid. Doch hier geht es mehr ums Überleben. Um den Fortbestand zu garantieren. Und bei uns?
Die Bewertung macht es erst möglich, dass wir unseren Gleichmut verlieren. Unser Schicksal nicht annehmen, sondern hadern. Neidisch auf unseren Nachbarn schielen, der anscheinend mehr Glück hat als ich. Ich muss es genauso machen, damit ich gleich viel Glück habe. Oder sogar besser. Gebe ich auf, fühle ich mich schlecht.
Kennen Tiere Glück? Was ist dieses undefinierbare Gefühl wert, ohne Bewertung? Im Moment glücklich sein, dass kennen wir alle. Auch der Hund, der endlich sein Herrchen wieder sieht. Es ist mit einem vorherigen Mangel verbunden. Manchmal mit einem Zustand, der uns – sollten wir nicht bewerten – gar nicht bewusst ist. Ist er uns bewusst, und streben wir selbst danach ihn zu beheben, fühlt sich der vielleicht irgendwann entstehende Ausgleich nicht wirklich an wie Glück. Eher wie Befriedigung. Wir haben etwas gestillt. Ein Bedürfnis. Einen Mangel, der aus der Vergangenheit und aus einem Vergleich entstanden ist, und er erhält nur einen Stopfen. Nicht überraschenderweise von außen. Sondern von uns initiiert. Danach gestrebt. Dafür gekämpft.
Glück ist Momentbezogen. Etwas, was wir nicht er-warten. Was uns manchmal einfach beschieden ist. Warum auch immer mir und nicht dem anderen. Eine Frage, der wir so oft nachspüren. Auch umgekehrt. Mit unseren Vergleichen und Bewertungen. Wir möchten „Glücks“-Sicherheit. Um jeden Preis. Der Vergleich gibt uns ein Gefühl der Standortbestimmung.
Würden wir arm in einer Hütte leben, ohne zu wissen, dass wir arm sind, und würde uns nach einem Hungertag ein fantastisches Drei-Gänge-Menü beschert, wäre das das grösste Glück der Welt. Oder, wenn das kranke Kind plötzlich gesundet, ohne dass sich jemand eingemischt hat, an den wir unsere Hoffnung geklammert haben. Unsere Erwartungen. Stecken wir in der Matrix aus Bewertungen und Urteilen fest, erkennen wir das Glück oft nicht. Wir schätzen nicht den Moment, während wir gierig in die Zukunft hechten.
Ich erkenne im Rückblick, dass das wahre Glück zwar in gewisser Weise mit einem Mangel zusammenhängt. Doch – und vor allem – mit unserer eigenen Perspektive. Es ist ursprünglich. Hautnah. Zügellos. Und ohne Vorankündigung.