Zwischen Allah und dem deutschen Zeigefinger
Ich fahre mit einer älteren deutschen Frau Richtung Essaouira. Sie ist Rentnerin und seit kurzem Witwe. Trotzdem möchte sie in Marokko bleiben. Sie ist dort gut eingerichtet, mit einem gemieteten Haus und einem vertrauenswürdigen Vermieter, der nicht gleich nach einem Jahr die Miete erhöht, mit einer guten Rente, einem deutschen Freundeskreis und Telefonnummern des marokkanischen Gärtners, der Putzfrau oder des Taxifahrers, die mit Händen und Füssen und zur Not einer Übersetzungsapp beauftragt werden.
Es hat sich so ergeben, dass ich bei ihr im Zimmer für einen Monat leben kann. Für einen Nebenkostenobulus und Hilfestellungen, Kochen und Herumfahren im Alltag ist das für uns beide eine wunderbare „Win-Win“Situation.
Sie sagt, sie ist vom Sternzeichen Waage. Und ja, sie hat ihre „deutsche“-Waage immer dabei.

„Pass auf! Da vorne überholt jemand!“ Der Autofahrer kommt mir auf meiner Seite entgegen. Ich weiss, dass es noch genug Platz hat. Zur Not kann ich einfach rechts ausweichen.
„Schau: Schon wieder einer, der ohne Licht fährt!“, tönt es mir als nächstes ins rechte Ohr. In der Stadt überholt mich wie üblich ein Moped-Fahrer von rechts. Sie kann es nicht fassen. „Kennen die hier nicht die Strassenregeln?“
Und am schärfsten ist ihr Kommentar, als uns in einer engen Gasse der Medina, in der wir natürlich zu Fuss zu unserem Restaurant unterwegs sind, ein Roller-Fahrer entgegenkommt: „Das ist verboten, dass die hier fahren.“ Ich frage sie: „Wer sagt das?“ „Alle“. „Wer alle?“ „Die Polizei, sie haben mir das schon mehrfach bestätigt.“ Ich grinse in mich hinein.
Wie lange lebt sie schon hier? Eigentlich sind all diese Äusserungen einfach nur ein Ausdruck ihrer Unsicherheit. Die deutschen Regeln geben uns Schutz. Sie regeln die Massen, so dass sie aneinander vorbeikommen. Persönlichen Kontakt bei einem Kollidieren gibt es nicht mehr. Für Klärung ist immer die Obrigkeit zuständig.
Wir beobachten auf dem Rückweg aus dem Auto zwei (natürlich unbehelmte) Roller-Fahrer, die einem Bus im Weg sind. Sie fahren vor ihm Kurven und haben Spass. Der Busfahrer hupt, die beiden schimpfen, fahren aber dann zur Seite. Meiner Mitfahrerin bleibt die Spucke weg. „Wie kann man nur so unverschämt sein – und sich dann am Schluss noch beschweren??? Ich antworte ihr: „Ich finde es einfach toll. Diese Unbedarftheit. Wie Kinder.“
Wie soll ich ihr erklären, dass es genau das ist, was Marokko ausmacht? Was uns Lebensfreude und positive Energie brächte, wenn man von dieser Unbekümmertheit sogar ein wenig annehmen könnte? Oder wenigstens den gehobenen „deutschen“ Zeigefinger – „Das macht man nicht“ wegstecken würde?
Ich gebe zu, dass ich am Anfang in Marokko genauso war. „Ich kann die Familie nicht mitnehmen in meinem Vito. Ich habe keine Sitze.“ Auch ich war voll mit unseren Regeln. Ständig ist mir aufgefallen, was hier „nicht richtig“ ist. Vor allem in Bezug auf Sicherheit. Ein Mann auf einem wackeligen Baugerüst ohne Helm, mit den hier üblichen Latschen an den Füssen? So what! Hier ist sowas egal. Hauptsache das Ziel wird erreicht und…. „Gottvertrauen“.
Der marokkanische Staat hat einen König. Der König hat seine Legitimation, weil er von dem Propheten abstammt. D. h., hier ist im ursprünglichen Sinne nur Allah für die gesellschaftlichen Regeln zuständig. Nur ihm gegenüber ist man verpflichtet. Nicht dem Staat per se. Seit Generationen. Und das macht den kleinen feinen Unterschied!
Wir kommen an einem Unfall vorbei. Ein Mann liegt auf der Strasse. Zwei Roller sind ineinander geknallt. Eigentlich passiert das hier sehr selten, dafür dass alle wie Kamikaze-Fahrer unterwegs sind. Wer schuld hat, wird nicht diskutiert. Wenn überhaupt eine Schuldfrage aufkommt, so wird diese nicht eingestanden. Man ist nur Gott gegenüber Rechenschaft schuldig. Stattdessen kommen immer mehr Helfer dazu. Ein ganzer Trupp von sich bemühenden Nachbarn und Freunden. Man wartet nicht auf Zuständigkeit. Man ist einfach da. Punkt.
„Wann kommt hier denn endlich die Polizei?“, will meine Mitfahrerin (von mir – hhh) wissen. Ich verdrehe die Augen. „Du bist hier in Marokko. Das musst du endlich mal begreifen.“