Borj El Baroud und der Dornenwall

Eine Erzählung über die Unbill im Lande Marokko und die Analogie des afrikanischen Buchsdorns.

Mein Ausflug nach Diabat nahe Essaouira – 26.12.2025

Borj El Baroud – verfallener Sultanspalast bei Essaouira

Und ein Ausflug in die Geschichte des Sultanpalastes

ChatGBT: «Zur Zeit der Thronbesteigung des Sultans Sidi Mohammed ben Abdallah (1757) war Marokko von inneren Unruhen und regionalen Stammesrevolten geprägt. Besonders die Berberstämme im Süden und in der Region Haha (um Essaouira) waren für ihren Widerstand gegen die zentrale Sultansmacht (Makhzen) bekannt.»

So kam es, dass der Sultan seinen Hoheitsanspruch mit einer ausgeklügelten Strategie manifestieren wollte: Er siedelte sich in Essaouira an und schloss den Hafen von Agadir (ein Zentrum der Souss-Berber). Damit zwang er die Händler nach Essaouira. Der Plan ging auf. Indem er den lokalen Stämmen ihre autonome Einnahmequelle in Agadir entzog, band er sie an sein neues Handelszentrum, zu dessen Kontrolle er an der Flussmündung des Qued Ksob, 3 km vor den Toren Essaouiras, einen Palast und einen Turm bauen liess.

Und noch etwas tat er für die Sichtbarkeit seiner Macht: Er benannte Mogador, dass so viel wie «kleine Festung» auf Amazigh bzw. phönizisch hiess, um in Essaouira = «kleine Festung» auf Arabisch.

ChatGBT: «Die Verwendung des Arabischen zementierte den Anspruch der Alawiden-Dynastie, die ihre Legitimität aus ihrer Abstammung vom Propheten ableitet und das Arabische als Sprache des Staates und des Glaubens über lokale Dialekte stellte.»

Essaouira florierte, als es zum zentralen Umschlagplatz für die Waren wurde, die über Karawanenrouten aus dem afrikanischen Hinterland (Timbuktu des Nordens) kamen.

Der Handelsplatz spielte für knapp 100 Jahre eine entscheidende Rolle bis… die Stadt durch die französische Marine im Jahr 1844 während des Französisch-Marokkanischen Krieges bombardiert wurde.

Ab 1912 unter dem französischen ‚Protektoriat‘ wurde Essaouira dann ganz von der Handels-Landkarte gestrichen. Die Franzosen legten die Waren-Umschlagplätze bewusst in grössere Städte (v.a. Casablanca), um ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen im gesamten Land zu zentrieren und durchzusetzen.

Damit wurde der einst zur Machtdemonstration erbaute Sultanpalast durch neue Machteinflüsse dem Untergang geweiht. Hochwasser, Wind und Wetter taten ihr Übriges.

Heute sieht man noch Teile des alten Palasts, der unter Sand und dornenbewehrten Sträuchern (Bocksdorn) seine Überreste in den Himmel reckt.

Er zeigt wieder einmal: Nichts ist so beständig wie der Wandel – und in Marokko umso mehr.

Der afrikanische Bocksdorn – ein Anzeiger von alten Wunden

Dass der afrikanische Bocksdorn ausgerechnet dort wächst, ist wohl kein Zufall. Zumindest nicht für diejenigen, die Pflanzen «lesen».
Ein Gebäude errichtet von einem Sultan zur Unterdrückung der Berberkultur – heute verlassen, zerfallen, machtlos –
Das ist ein klassischer Ort gebrochener Autorität.

Wo Macht Gewalt war und ihre spirituelle Legitimation verloren hat, siedeln sich wehrhafte Pflanzen an.
Der Bocksdorn übernimmt hier eine Rolle: Er schützt die Wunde des Ortes. Er verhindert „unbedachten Zutritt“.

Dieser Dornenbusch bewacht etwas, das nicht befriedet, sondern überlagert ist.

Und dann: die Blüte dieses Nachtschattengewächses! Klein. Zart. Wunderschön. Sie erinnert an die Passionsblume, unterscheidet sich aber wesentlich in der Symbolik durch das eigentliche Gewächs: das Leid wird nicht hingenommen, wie bei der zarten Kletterpflanze, es wird stattdessen massiv abgewehrt.

Eine wunderbare Analogie ist für mich daraus entstanden: Gerade hier in Marokko spüre ich – es ist noch keine Zeit für Frieden.

Identität und Stolz der Berber, Machtanspruch der Araber, alte Ansprüche und Seilschaften der Franzosen und Spanier und mittlerweile ganz massiv – der internationalen Geld-Eliten… und auf der anderen Seite Entmündigung, Hunger, Armut, Perspektivlosigkeit der Bevölkerung, gespickt mit gewissen kulturellen oder genetischen Eigenschaften wie Angstlosigkeit und Exzessivität, Intelligenz und Erfindungsreichtum – daraus ergibt sich ein Pulverfass, das mühsam durch die Dominanz des Staates in Schach gehalten werden muss.

Die Bewohner Marokkos sind weit davon entfernt, die andere Wange hinzuhalten. Genauso wenig, wie der Bocksdorn. Aber das müssen sie auch nicht. Frieden kommt erst nach dem Krieg.

Marokko – voller Kontraste und … Müll

Jeder Tourist beklagt sich darüber: Wie kann man ein so schönes Land so verkommen lassen?! Warum ist es den Menschen dort egal wie es vor ihrer Tür aussieht? Ein schwer verdauliches Paradoxon für uns westlich geprägte Besucher, die wir doch so sehr auf Sauberkeit und Ordnung getrimmt wurden. Nicht nur das: Wir gehen auch immer mit Vorbild voran…

Irgendwann lässt es nach, wenn wir länger in Marokko verweilen… Irgenwann lassen wir nach… Mit diesem gehobenen Zeigefinger. Die Armut der Menschen lässt Verständnis aufkeimen für andere Nöte. Aber auch Bewunderung für ihren Gleichmut und ihre trotzdem vorhandene Lebensfreude. Die fehlende oder zu selten eingesetzte Müllabfuhr ist ein offensichtlicher Ausdruck, wie es dem Land geht. Kühe, Esel, Katzen, Hunde und Ziegen suchen im Müll nach Essbarem. Gäbe es die überquellenden Müllcontainer nicht mehr, würden die Ärmsten der Armen auch nichts mehr zu essen finden. Typisch Marokko. Auch dass das Land versucht, den Schein zu wahren und der Welt ihre Fortschrittlichkeit zu demonstrieren. Mit westlichen Massnahmen. Mit neuen Häusern, neuen Autos, tollen Autobahnen entlang der Küste, schniecken Restaurants und Raststätten. Und bei den Nutztieren: Mit Ohrmarken…

Auch der Golfplatz für die Schönen und Reichen – umzingelt von Müll.

Armut lässt sich nicht wegretouchieren. Auch wenn den Touristen vorgegaukelt wird, dass es sich lohnt, ihr Geld in Marokko zu lassen. In erschwinglichem Luxus, in ihrer Kunstfertigkeit. Doch es versickert wie immer in den falschen Taschen. Damals waren es die Sultane – heute sind es reiche Investoren. Und das gemeine Volk bleibt klein – mit dem ständigen Blick auf den Luxus der anderen. Und auf den Müll….

Wohlan denn… bleibt wehrhaft wie der Dornenbusch

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