Ich bin (nicht) richtig!
Dieses Gefühl nagt oft unbewusst an uns. Immer wieder. Selbstzweifel, die wir aber oft in wütenden, enttäuschten oder ablehnenden Reaktionen ausdrücken. Wenn wir hinterfragt werden. Und das werden wir doch ständig, oder? Um in einer Gesellschaft Bestand zu haben, müssen wir richtig sein. Und wenn wir glauben, es nicht zu sein, sind wir ausgeliefert – diesem unseren Gefühl. Es sei denn, wir haben uns schon zurückgezogen. In eine Vermeidungshaltung vor einer Resonanz. Oder in eine selbstgewählte Isolation mit der Erkenntnis, dass die Gesellschaft umgekehrt nicht richtig ist. Manchmal ist das auch dasselbe. Aber könnte uns das nicht einfach egal sein? Ob wir richtig oder falsch sind? Ja. Wenn wir uns einfach selbst so akzeptieren wie wir sind. Dann können wir kommen und gehen in dieser Gesellschaft, in unserem Freundeskreis, in unserer Familie. Ohne die Messlatte, ob wir auch willkommen sind. Dann sind wir einfach – so wie wir sind.
Wenn es so einfach wäre! Wir sind uns unserer Reaktionen oft gar nicht bewusst! Aber es ist die Gesetzmässigkeit der Resonanz, die uns in unserem Gegenüber begegnet.
Ein Beispiel: Ich habe einen neuen Job. Ich bin verunsichert. «Schaffe ich das alles?» Meine Kollegin weiß so viel. Sie soll mich einarbeiten. Also frage ich sie sehr oft, wo ich was finde oder wie etwas funktioniert. Zumindest so lange, bis ich mich sattelfest fühle.
Nach zwei Tagen sagt sie mir aggressiv: «Kannst du nicht selbst suchen? Ich musste mir damals auch alles selbst erarbeiten. Da auf dem Laufwerk: dort findest du alles. Von mir bekommst du nichts mehr. Du nervst.»
Ich werde wütend. Ich fühle mich abgelehnt. Nicht richtig. Sie kann mich nicht leiden, sonst wäre sie nicht aggressiv. Und sie hat mir indirekt gesagt: Ich bin faul. Unwissend. Und nervig. Auf der Toilette später kommen mir sogar die Tränen. Ist sie nicht genau wie meine Mutter, die mir auch immer das Gefühl gegeben hat, dass ich zu dumm für etwas bin? In der nächsten Zeit versuche ich sie nicht mehr zu fragen. Dieses Gefühl bleibt. Ich bin misstrauisch geworden. Und mache einen großen Bogen um sie herum.
Was ist da passiert?
Ich bin mit meiner Kollegin in Resonanz gegangen ohne es zu wissen. Ich habe meine alten Erfahrungen in die Waagschale geworfen und mein Gehirn ergänzt sofort die fehlenden Fragmente: Wenn diese Kollegin so agiert wie meine Mutter, dann liebt sie mich genauso wenig, wie damals meine Mutter.
Was hat gefehlt? Natürlich zunächst einmal: Sie ist nicht meine Mutter. Das ist einfach. Dann natürlich: Heute bin ich erwachsen. Ich brauche keine Mutter mehr. Und zum Schluss: Meine Mutter hat mich geliebt. Ich habe es damals nur nicht geglaubt. Als Kind lief ein anderes Programm: Meine Mutter gab mir nicht genug Liebe und Sicherheit, die ich als kleines Kind aber so dringend benötigte! Sie konnte es mir beides nicht in dem Maße zeigen wie ich es gebraucht habe. Sie hatte ihr eigenes Päckchen.
Heute kann ich mich fragen: Wenn diese Kollegin doch nicht meine Mutter ist, möchte ich trotzdem von ihr geliebt werden? Eigentlich nein. Aber ihr Verhalten lässt mich sofort in die uralten Erinnerungen meiner Kindheit abgleiten, ohne dass ich es bemerke. Meine Kollegin wird zu einem Spiegel von meinen Ängsten. Und damit bekomme ich das Gefühl, dass sie mich unfair behandelt. Dass ich bitte Wiedergutmachung von ihr bekomme. Dass sie mir das Gefühl wieder zurück gibt, richtig zu sein. Und das mache ich, indem ich grolle. Indem ich bei nächster Gelegenheit vielleicht patzig reagiere: «Du brauchst etwas von mir? Du nervst.» Oder dass ich mich aus Angst vor einer Wiederholung einfach zurückziehe und eine normale Kommunikation vermeide. Besser wird die Zusammenarbeit dadurch aber sicherlich nicht.
Doch sie ist mein falscher Adressat für diese Gefühle! Ich kann allerdings diese Situation nutzen und ich darf diesen Spiegel sogar wertschätzen. Denn dadurch erkenne ich, dass ich selbst nicht genügend Selbstvertrauen habe. Dass ich selbst mich nicht genug liebe. Sonst wäre ich überhaupt nicht von ihrem Verhalten «getriggert» worden.
Wie hätte die Situation ausgesehen, wenn ich bei mir geblieben wäre? Nun, ich hätte sicherlich nicht geweint. Es hätte mich auch nicht verletzen können. Ich hätte einfach sagen können: «Tut mir leid, dass ich dich nerve. Da ist wahrscheinlich deine Grenze, die du ziehen musst. Wenn du willst, frage ich jemand anderen. Kennst du jemanden? Ich finde mich noch nicht alleine zurecht. Aber das wird kommen. Auch ohne dich oder jemand anderen. Es wird dann einfach nur zu lange dauern und ich kann dann nicht so schnell Leistung bringen, wie es gewünscht ist.»
Die radikale Grenzziehung meiner Kollegin ist nämlich wiederum ihr Problem. Dass sie aggressiv geworden ist, ist Verteidigung. Sie ist gestresst. Sie hat zu viel zu tun. Sie ist ein aufbrausender Typ. Und hat keine Probleme, jemand anderem auf die Füße zu treten. Ich schon. Unsere Grenzen sind kollidiert.
Wenn ich jedoch stabil bin und in mir ruhe, dann prallt dieses Verhalten an mir ab. Ich muss von ihr nicht geliebt werden. Wenn sie mich nicht respektvoll behandeln will, muss sie die Konsequenzen selbst tragen. Dass ich dann nicht mehr mit ihr kooperieren kann. Wenn mir die Beziehung so viel bedeutet, dass ich daran arbeiten will, kann ich ihr aber genau das sagen. «Wenn du mich so anblaffst, möchte ich mit dir nicht mehr zusammenarbeiten. Da ist meine Grenze. Ich erwarte zumindest Sachlichkeit.» Klare Ansagen helfen. Sich Klarheit zu verschaffen hilft. In den meisten Situationen wenn es «menschelt».
Aber ja, wir sind alle auch nur Menschen. Und der Blick ist uns oft verwehrt. Der andere ist immer daran schuld, wenn wir uns wegen ihm schlecht fühlen. Das ist die normalste Reaktion der Welt. Wir sind nicht allein auf der Welt und es geht im Grunde immer nur um unsere Grenzen und um die des anderen.
Bin ich mir aber sicher in dem wie ich bin und was ich tue, kann der andere mir noch so viel an den Kopf werfen. Es ist mir dann egal.
Eine Übung ist zum Beispiel eine einfache Rückfrage, wenn jemand meine Selbstsicherheit «angreift»:
«Das ist sehr interessant was du da sagst. Wie kommst du darauf?»
Und schon muss der andere erst einmal selbst schauen, warum er das gesagt hat. Und du signalisiert, dass du keinen Grund siehst, dich zu hinterfragen. Bei meiner Kollegin hätte ich also auch einfach fragen können: «Warum nervt dich mein Verhalten eigentlich?» Ich wäre heute gespannt auf ihre Antwort.
Eine andere Herangehensweise zum selben Thema ist die Betrachtung der Kritik selbst und warum sie angebracht wird: